Mein Bulgarien

Wie ihr gesehen habt, gab war der gestrige Bericht von einem Gastautoren geschrieben. Das ist auch gut so, denn in Wahrheit muss ich gestehen, dass meine Mutter viel mehr von Sofia gesehen hat als ich. Und ja, Recht hat sie! Sofia ist eine Reise wert. Da mir Sehenswürdigkeiten (wenn sie mir architektonisch nicht gerade ins Auge stechen) aber ohne Hinweis vermutlich gar nicht auffallen würden, hat Mutti auch das schießen der schönen Fotos übernommen. 
Allerdings gebe ich auch gern zu, dass mich die Meschen wesentlich mehr interessieren, als Gebäude. Meine Mutter nennt das „spannen“. Dafür kann ich aber nix, wenn interessante Menschen gerade nackt oder leicht bekleidet sind – find ich jedenfalls. Trotzdem hat sie natürlich auch Recht. Denn irgendwie bin ich schon ein Voyeur. Nur so funktioniert das eben. Was genau ich meine, wird sich in den folgenden Berichten herausstellen.

Es gab innerfamiliäre Diskusionen darüber, ob ich mit den Bulgaren zu hart ins Gericht gehe. Denn Eines kann ich vorweg sagen, grundsätzlich ist mir das Land nicht sehr sympathisch. Sofia und die Schwarzmeerküste bilden da eine angenehme Ausnahme.

Fakt ist, ich will niemanden zu oder gegen einen Urlaub in einem der von mir bereisten Länder raten. Möge sich jeder sein Bild selbst machen. Ich persönlich kann immer nur das Gesamtkonstrukt eines Landes beschreiben. Und das besteht für mich aus Landschaft, wie kann man dort Rad fahren, wie sind die Menschen und wie die Kosten? Ebenfalls bereise ich immer nur einen kleinen Teil eines Landes und so etwas ergibt nun einmal kein repräsentatives Bild einer Nation. Dafür ist die Zeit zu knapp, die Sprachbarriere zu groß, die grundsätzliche Einstellung der Einheimischen gegenüber Ausländern zu verschieden. Denn das darf man nunmal nicht vergessen, hier bin ich der Ausländer.

Alles was ich hier schreibe, sind meine persönlichen Empfindungen und Erfahrungen mit den Menschen und wie sie meine Vorurteile geprägt oder verändert haben. Und ja, es gibt sie weiterhin, die Vorurteile aber es sind viel weniger als früher. Ich toleriere alle Traditionen der von mir besuchten Länder, das muss aber nicht heißen, dass ich sie gut finde. Für mich ist eine Burka noch immer genauso befremdend, wie die Tatsache, dass ich Schweinefleisch esse, für einen Muslim. Aber genau diese Unterschiede machen unsere Völker eben aus und sie sind auch wichtig für unserer gegenseitiges kulturelles Miteinander. Nur wenn wir verstehen, wie andere Völker ticken, können wir sie auch in allen ihren Eigenheiten akzeptieren lernen.

Das ich wenig auf Religion gebe, bedeutet nicht, dass ich sie missachte oder verlache. Denn so viel weiß ich inzwischen, vielen Menschen in Ost- und Südeuropa bietet sie einen enormen Halt. Wenn nichts mehr hilft, scheint das Gebet sie doch zu befreien und in schwierigen Situationen näher zusammenrücken zu lassen. Für mich allerdings bleibt sie grundsätzlich noch immer ein heißes Eisen. Denn zu viel Schindluder wird auch heute noch in ihrem Namen getrieben.

Wir Westeuropäer haben eine neue Religion für uns entdeckt und diese nennt sich Medien. Aus Reiseberichten, Reportagen und Nachrichten wird ein Bild von einem Land geformt und wir nehmen es, aus Trägheit nicht den Sessel verlassen zu müssen, auch dankbar an. Aber genau aus diesen Dingen entstehen unsere Vorurteile. Für mich war Serbien das Beste aller Beispiele. Denn von einem rohem Bergvolk kann überhaupt keine Rede sein.

In Bulgarien ist alles ein wenig anders. Denn wenn wir mal ganz ehrlich sind, was wissen wir über dieses Land. Ich kann da nur für mich sprechen, denn bevor ich herkam, wusste ich nichts. Tatsächlich nicht einmal, wo es geografisch liegt. Das erste Mal auf meiner Reise bin ich völlig vorurteilsfrei in ein Land gekommen und wurde bitter eines Besseren belehrt. Auch da hat meine Mutter Recht, die Bulgaren tun viel. Sie bauen schöne Straße, sie sanieren und renovieren ihre großen Städte und tun alles dafür, dass sich Durchreisende in die Türkei und Griechenland hier wohl fühlen. Und genau das werfe ich ihnen vor. Denn wer sich neben der Autobahn bewegt, wird an bitterarmen Romasiedlungen vorbei kommen. Wird völlig überlastete Straßen vorfinden, wird in tote Dörfer kommen. Am schwarzen Meer, in Sofia, Plovdiv oder auf einer Autobahnraststätte wird er freundliche, hilfsbereite Menschen treffen. In anderen Regionen wird er allerdings sehen, wie ignorant die Bulgaren mit ihren Problemen umgehen. Sie wollen sie einfach nicht sehen und wenn es unausweichlich ist, wird die Autobahn einfach ein Stück länger darum herumgebaut. EU-Förderung macht es möglich.

landschaft-bulgarien

Und wer sich traut liebe Mutti, wird auch über den bestbesuchtesten Platz vor unserer Ferienwohnung berichten. Die Mülltonne. 😉

Mülltonne-Sofia

Ja, ich spanne! Denn ich will mehr sehen, als nur das schöne Äußere, das extra für uns Touris aufbereitet und auf Hochglanz poliert wurde. Ich sag es nochmal ganz deutlich. Ich schreibe hier keine bezahlten Reiseberichte, sondern teile MEINE völlig subjektive Meinung mit. Genau das erlaubt es mir eben auch, zu sagen was ich Scheiße finde. Aber ich betreibe hier keine Meinungsbildung. Wer glaubt, sich auf Basis meiner Berichte ein Bild von Land und Leuten machen zu können, möchte bitte in den Garten gehen und irgendwas umgraben.

Was ich erreichen möchte, ist eventuell ein bisschen Neugier in meinen Lesern zu wecken und Ihnen ermöglichen einen Teil meines Weges mit mir zu gehen. Wenn Du, lieber Mitleser, nachher sagst, was der Typ da schreibt, ist völliger Bockmist, das gucke ich mir allein an – dann hab ich eigentlich genau das erreicht, was ich mit dem Schreiben erreichen wollte. Den Wunsch in Dir zu wecken, Dir selbst ein Bild zu machen.

Wir alle sind Voyeure, der Eine eben ganz bequem vom Fernsehsessel aus, der Andere vom Balkon seiner Ferienwohnung, aber Interesse am Leben anderer Menschen haben wir alle. Und ich glaube fest meine Feunde, das ist auch richtig gut so.